Wohlstandsberge und -täler der Schweiz

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Die Schweiz ist eines der reichsten Länder der Welt. Aber nicht allen Regionen kommt der national erwirtschaftete Wohlstand gleichermassen zugute. Die hohen Einkommen konzentrieren sich um die Seen in der Nähe von Metropolen. Dies hat auch mit dem Steuerwettbewerb zu tun.

In den OECD-Statistiken zur Wohlstandsverteilung erscheint die Schweiz als ein Land mit mässiger Einkommensungleichheit, das breiten Bevölkerungsschichten Wohlstand ermöglicht. Um wirklich verstehen zu können, wie die gesellschaftlichen Verhältnisse sind, greifen nationale Durchschnitts-Kennzahlen jedoch in mancherlei Hinsicht zu kurz. Für die meisten sind die Erfahrungen des Alltages und in der lokalen Gemeinschaften viel entscheidender als nationale Durchschnittswerte. Entsprechend weist die OECD auf die Notwendigkeit regionaler Analysen hin. Diese sollen Aufschluss geben über die Lebensbedingungen innerhalb eines Landes und darüber, wie sich der Wohlstand und dessen Verteilung regional entwickelt. Interessante Möglichkeiten bieten hier Steuerdaten, die alle Steuerpflichtigen bis auf die Gemeindeebene erfassen und historisch archiviert vorliegen. Dies erlaubt es, Entwicklungen über die Zeit zu untersuchen.

Die Wohlstands-Topographie der Schweiz

Nach allen steuerlichen Abzügen resultiert in der Schweiz im Mittel ein steuerbares Einkommen von 58‘000 CHF. Betrachtet man die untenstehende Karte mit den mittleren versteuerten Einkommen nach Gemeinden, so erkennt man aber erhebliche regionale Unterschiede. In der Gemeinde Mathon im rätoromanischen Graubünden liegt das Durchschnittseinkommen bei knapp 18‘500 CHF am tiefsten. Demgegenüber ist das durchschnittliche versteuerte Einkommen in der Gemeinde Vaux-sur-Morges mit Blick auf den Genfer-See mit 635‘500 CHF am höchsten. Deutlich wird zudem, dass die Einkommen rund um die Metropolräume (vgl. Ausschnitte der Grafik) in der Regel höher ausfallen, während sie in ländlichen Regionen und in den Berggebieten tiefer liegen. Dies erstaunt wenig, gelten die urbanen Räume doch als Triebkräfte des Wohlstandes. Nimmt man die Metropolregionen aber genauer unter die Lupe, so zeigt sich weiter, dass die Einkommen in den Städten selber meist etwas tiefer ausfallen und dass die wirklich reichen Bürgerinnen und Bürger in den Agglomerationen leben – vorzugsweise mit Blick auf einen See.

Seen scheinen aber nicht in jedem Falle dieselbe Anziehungskraft auszuüben. Rund um den Neuenburger- oder den Thunersee sind die Einkommen eher durchschnittlich, während sie in Zug und Schwyz besonders hoch sind. Es scheinen also nicht nur topographische Faktoren für die regionalen Unterschiede ausschlaggebend zu sein.

Fliehkräfte des Steuerwettbewerbs

Während Steuern in den meisten Ländern zentralistisch erhoben werden, ist es eine Besonderheit der Schweiz, dass die Kantone einen erheblichen Teil der Steuern in Eigenregie erheben können. Dies ermöglicht den Kantonen, die Ressourcen zu beschaffen, die sie benötigten. Es eröffnet ihnen aber auch die Möglichkeit in einen Wettbewerb um Wohlhabende zu treten, was sich auf die regionale Ungleichheit zwischen und innerhalb der Kantone auszuwirken scheint. Dies veranschaulicht die untenstehende Datenvisualisierung, welche die Entwicklung der preisbereinigten Durchschnittseinkommen (y-Achse) und der anhand des Gini-Koeffizienten gemessen Ungleichheit (x-Achse) im Zeitrahmen von 1950 bis 2013 aufgezeigt. Gut zu erkennen ist, das allgemeine Wohlstandswachstum in den Boom-Jahren der Nachkriegszeit, die sich in allen Kantonen durch eine Zunahme der Einkommen zeigt. Auch gut zu erkennen ist die Phase der Stagnation in den 1990er Jahren. Ab den 2000-Jahren kann man erkennen, wie sich besonders Zug, Schwyz sowie Ob- und Nidwalden absetzen – beim Durchschnittseinkommen und besonders bei der Ungleichheit der Einkommensverteilung.

Diese Entwicklung wirft Fragen auf. Im Zuge des nationalen und internationalen Steuerwettbewerbs lockt die Schweiz zunehmend Gutverdienende auf helvetischen Boden. Dies mag ein Gewinn für die Steuerkassen sein. Damit ergattert sich die Schweiz aber einen etwas zweifelhaften Ruf als Steueroase und die Entwicklung stellt den Zusammenhalt innerhalb der Schweiz auf besondere Weise auf die Probe. Die Finanzautonomie kann ein „Race to the bottom“ anfeuern, in dem Kantone sich gegenseitig unterbieten, um Gutverdienende anzulocken. Tatsächlich haben in der Schweiz jüngst die Topeinkommen von Steuersenkungen profitiert, was zu einer Verschärfung der ökonomischen Ungleichheit führt und ein Auseinanderdriften der Kantone bewirkt. Wie die Auseinandersetzung um die Ausgestaltung des interkantonalen Finanzausgleiches beispielhaft zeigt, führt dies auch zu Konflikten zwischen den Kantonen und zur Tendenz gemeinsame Lasten abzuwälzen. Dies gefährdet letzten Endes die Solidarität und das Einvernehmen der verschiedenen staatlichen Akteure.

International gesehen mag sich die Schweiz zwar bezüglich Einkommensungleichheit eher im Mittelfeld bewegen. Die regionale Perspektive macht aber deutlich, dass es sehr wohl darauf ankommt, wo jemand innerhalb der Schweiz lebt. Wer Gleichheit bevorzugt, wird sich in Uri besonders wohl fühlen, wo sich die Einkommensungleichheit im Bereich der als egalitär geltenden skandinavischen Staaten befindet. Demgegenüber ist die Einkommensungleichheit in Schwyz am ausgeprägtesten. Hier bewegt sie sich im Rahmen von Verhältnissen, wie sie in Mexiko vorzufinden sind.

 


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