Verlernraum Rassismus: Ein exemplarischer Hochschulprozess

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Im Hochschulkontext gibt es wenig institutionalisierte Auseinandersetzung mit Rassismus. Mit dem Verlernraum erprobt das Departement Soziale Arbeit ein neues Format, bei dem die Reflexion des eigenen Anteils an Rassismus im Zentrum steht. Die beiden Projektleiterinnen berichten von ihren Erfahrungen.

Eine Schwarze Prozessbegleiterin beschreibt eigene Rassismus-Erfahrungen, verknüpft sie mit Theorien und stellt kritische, konfrontative Fragen. Und wir, zwölf ‹weisse› Lehrende des Departements Soziale Arbeit hören zu, denken, spüren nach und suchen ehrliche Antworten. Welche inneren Bilder werden in dieser Konstellation hervorgerufen, welche Gefühle ergeben sich? Wie gehen wir damit um?

Für solche und ähnliche Erkundungen, Wahrnehmungen und Erkenntnisse öffnet der Verlernraum Rassismus am Departement Soziale Arbeit einen begleiteten Raum. Darin sollen eigene, oft unbewusste, diskriminierende sowie rassistische Einstellungen und Handlungen kritisch reflektiert und aktiv verlernt werden. Er ist Teil eines von swissuniversities mitfinanzierten Projekts, das zudem einen Empowermentraum für Studierende bietet, der auf die Stärkung und Selbst-Ermächtigung von Studierenden of Color und mit Migrationsgeschichte zielt.

Reflexion über den eigenen «rassistischen Schatten»

An Hochschulen sind wir zwar darin geübt, über Vorurteile und Machtverhältnisse nachzudenken, und dennoch kommt es selten zu einem Austausch über die eigene Beteiligung an rassistischen Strukturen. Tzegha Kibrom, die den Verlernraum am Departement begleitet, meint dazu:

«Tatsächlich ist Rassismus ein Teil von jeder Person. Allein das auszusprechen, ist schon schwer. Dies so gut wie möglich zu verstehen, zu fühlen und auszuhalten, ist noch schwieriger. Um etwas loslassen zu können, muss man erst verstehen, woran man haftet, woran man sich hält. Denn nur was uns bewusst ist, kann uns nicht mehr so beherrschen, so kontrollieren.»

Der Reflexionsraum für Lehrende entspricht somit einem grossen Bedarf und zeigt eine Lücke auf. Eine von uns drückt es so aus:

«Es gibt so gut wie keine Räume, wo diese Reflexion möglich wird, in denen wir unsere rassistischen Mechanismen und Anteile auch wirklich anschauen können.»

Die regelmässigen Treffen erleben wir als intensiven, herausfordernden Prozess, der uns aus der Selbstverständlichkeit und Ignoranz von «Happyland» herausführt. Der uns zwingt, uns mit dem eigenen «rassistischen Schatten» auseinander zu setzen. Denn dieser wirkt – trotz gutem Willen – auch in unsere eigene Lehre und die Begleitung von Studierenden hinein. Dabei erkunden wir nicht nur neue Erkenntnis- und Handlungsmöglichkeiten, wir werden auch dazu ermutigt, Verunsicherung, Scham, Trauer, Wut und Überforderung zuzulassen und zu reflektieren. Und das ist zentral. Eigene Verletzlichkeiten und Diskriminierungserfahrungen, die fast unüberbrückbare Kluft zwischen den Erfahrungswelten werden spürbar – aber auch verbindende Momente wie Menschlichkeit und gemeinsame Werte. Die Begegnung und das Einander-Zuhören erweisen sich als wirkungsvoll und heilsam zugleich:

«Es macht etwas mit uns und wir sind nicht mehr die Gleichen.»

«Die bisherigen Treffen waren für mich aufwühlend, intensiv und (ver)lehrreich. Ich kann auf jeden Fall einiges mitnehmen und ich schaue heute mit anderen Augen auf das Thema.»

Unsicherheiten zulassen und lernen, mit ihnen umzugehen

Dass das Verlernen von Rassismus auf diese Art gelingt, hat verschiedene Gründe. Die grosse Sicherheit und Offenheit von Tzegha Kibrom erlaubt es, dass wir selbst Gefühle zulassen können. Sie schafft es, unsere Angst vor Unsicherheiten und Schweigen zu nehmen, denn diese werden nicht verboten, sondern eingehend thematisiert, um sie zu verstehen. Tzgeha Kibrom beschreibt es so:

«Ich möchte die Unsicherheit nicht verurteilen, denn ich verstehe, woher sie kommt. Ich möchte nur beschreiben, was sie schafft – eine Distanz, ein Mauern und eine Kluft. Eine Kluft, die die Unsicherheit nicht nur deutlich macht, sondern sie auch schafft, sie grösser werden lässt. Dies soll als erstes auf den Tisch kommen: Ja hier ist eine Unsicherheit, hier ist eine Sprachlosigkeit, damit wir uns darauf einlassen, dies wahrzunehmen.»

Ein solcher Prozess braucht Zeit. Daher ist der Reflexionsraum bewusst nicht als kurzer Workshop konzipiert, sondern als kontinuierlicher Prozess über acht Monate hinweg. Und nicht zuletzt braucht es die Bereitschaft von uns, den Teilnehmenden, mit unserer eigenen Verletzlichkeit, unserem Unvermögen und unserer Ignoranz in Berührung zu kommen. Dadurch wird eine Entwicklung angestossen, die in den kommenden Semestern weitergehen und in die Fachhochschule ausstrahlen soll.

Verlernen von Rassismus, Heilung und das Ziel, mehr Mensch zu werden

 

Ein Gespräch zwischen Tzegha Kibrom und Stefanie Duttweiler anlässlich des Verlernraums gegen Rassismus an der Berner Fachhochschule (5. April 2022). Auch als Verschriftlichung verfügbar.


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Schwarz und ‹weiss›
Beim Begriff Schwarz handelt es sich um eine politische Selbstbezeichnung für Menschen, die Rassismus-Erfahrungen machen, und nicht um ein Adjektiv, das die Hautfarbe bezeichnet. Deshalb wird er mit grossem S geschrieben. Der Begriff ‹weiss› bezieht sich ebenso nicht auf die Hautfarbe, sondern bezeichnet ein soziales und politisches Konstrukt für Menschen, die nicht von Rassismus betroffen sind.

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