Stress und Jobunsicherheit setzen Arbeitnehmende unter Druck

Von Tobias Fritschi 0 Kommentare

Mit dem «Barometer Gute Arbeit» messen das BFH-Zentrum Soziale Sicherheit und Travail.Suisse zum zweiten Mal die Qualität der Arbeitsbedingungen in der Schweiz. Grundsätzlich bewerten Arbeitnehmende diese als gut, jedoch gibt es auch einzelne beunruhigende Tendenzen.

Das «Barometer Gute Arbeit» misst die Qualität der Arbeitsbedingungen in der Schweiz anhand eines wissenschaftlichen Kriterienrasters, das sich über die Dimensionen Motivation, Sicherheit und Gesundheit erstreckt. Befragt wurden jährlich 1‘400 Arbeitnehmende in der ganzen Schweiz. Je näher ein Wert bei 100 liegt, desto besser ist die Qualität der Arbeitsbedingungen in diesem Bereich.

Die Motivation ist leicht rückläufig

Die Motivation der Arbeitnehmenden befindet sich auf hohem Niveau, allerdings mit gewissen Einschränkungen. Ein Rückgang ist im Bereich „Gestaltbarkeit und Entwicklungsmöglichkeiten“ festzustellen. Alle drei Kriterien „Entwicklungsmöglichkeiten“, „Vereinbarkeit von Beruf und Familie“ und „Gestaltungsmöglichkeiten“ weisen im Vergleich zum letzten Jahr eine Abnahme um rund 2 Punkte auf, wobei dies bei letzterem Kriterium statistisch relevant ist. Ein wichtiger Grund hierfür ist, dass die Arbeitnehmenden ihren Einfluss auf die Gestaltung der Arbeitszeiten tiefer einschätzen (siehe Grafik: Ergebnis Motivation).

Der Lohn für die eigene Leistung wird kritisch beurteilt

Ebenfalls ist bei der Sicherheit ein deutlicher Rückgang im Bereich „Vertrauen und Zufriedenheit“ zu beobachten. Dabei werden die Kriterien unterschiedlich bewertet, besonders die Antworten zum Einkommen im Verhältnis zur eigenen Leistung fallen kritisch aus. Im Bereich „Perspektiven“ fällt die mittelfristige Beurteilung der Arbeitsplatzsicherheit am schlechtesten aus. Dies hängt damit zusammen, dass viele Arbeitnehmende nicht sicher sind, ob sie bei einem Jobverlust eine vergleichbare Stelle finden würden (siehe Grafik: Ergebnis Sicherheit).

Stress und psychische Belastungen sind problematisch

In der Gesundheitsdimension blieben die beiden Bereiche zu „Belastung“ und „Entlastung“ im Jahresvergleich konstant. Dabei stellen die Kriterien „Stress“ und „psychische Belastung“ für die Arbeitnehmenden die grössten Herausforderungen dar. Von den insgesamt 20 gemessenen Kriterien sind diese beiden die einzigen, die einen Wert unter 50 aufweisen. Der gefühlte Druck, trotz Krankheit arbeiten zu müssen („Präsentismus“) weist – wie bereits 2015 – den dritttiefsten Wert auf.

Grenznahe Gebiete stehen stärker unter Druck

Innerhalb einzelner Branchen und Regionen werden die Arbeitsbedingungen sehr unterschiedlich beurteilt. Gerade die Arbeitnehmerschaft im Tessin und der Genferseeregion sieht sich grossen Herausforderungen gegenüber. Dies ist unter anderem auf den hohen Druck in grenznahen Gebieten zurückzuführen (siehe Grafik: Ergebnis Regionen). Arbeitnehmende im Gross- und Detailhandel, Gastgewerbe sowie Verkehr und Lagerei beurteilen die Qualität der Arbeitsbedingungen in allen drei Dimensionen als unterdurchschnittlich. Motivation und Sicherheit werden auch in der Finanz- und Versicherungsbranche kritisch beurteilt. In der öffentlichen Verwaltung sind die Sorgen bezüglich des Vorhandenseins gleichwertiger Arbeitsplätze und Gestaltungsmöglichkeiten ebenfalls überdurchschnittlich.

Ältere Arbeitnehmende sind zufriedener

Beim Vergleich nach Einkommensklassen fällt auf, dass sich die Einschätzungen zur körperlichen Belastung mit zunehmendem Einkommen stark verbessern, während sie sich betreffend der zeitlichen Belastungen leicht verschlechtern. Unabhängig von der Einkommenshöhe stellen psychische Belastungen die grösste gesundheitliche Problematik am Arbeitsplatz dar (siehe Grafik: Ergebnis Lohn & Belastung). Die Betrachtung nach Altersgruppe zeigt, dass ältere Arbeitnehmende gegenüber jüngeren Arbeitnehmenden in alle Bereichen wesentlich höhere Werte aufweisen. Kurz- und mittelfristige Perspektiven werden allerdings von den jüngeren Arbeitnehmenden besser beurteilt, während ältere Arbeitnehmende längerfristig besser Perspektiven sehen (siehe Grafik: Ergebnis Alter).

Handlungsbedarf bei Arbeitszeit und Weiterbildung

Aufgrund dieser Ergebnisse ortet Travail.Suisse, der unabhängige Dachverband der Arbeitnehmenden, in folgenden Bereichen Handlungsbedarf: Erstens soll die Flexibilisierung der Arbeitszeiten auch den Arbeitnehmenden zu Gute kommen. Zweitens sollen Weiterbildungen durch die Unternehmen stärker gefördert werden, da sie für den Erhalt des Humankapitals unerlässlich sind und bei Arbeitslosigkeit vor dem Ausschluss aus dem Arbeitsmarkt schützen. Drittens scheinen in gewissen Branchen Reallohnerhöhungen im Verhältnis zur geforderten Leistung angezeigt.

Online-Tool für Betriebe und Angestellte als Ziel

Im Rahmen des BFH-Zentrums Soziale Sicherheit entwickeln derzeit Forschende der Sozialen Arbeit und der Wirtschaft ein Projekt für eine nationales Online-Tool zur Messung der Arbeitsbedingungen. Mit den bisherigen Messungen konnte die BFH einen Massstab für weitere Zeit- und Gruppenvergleiche schaffen. Dieser wird in Zukunft als Referenzrahmen für die Qualität von Arbeitsbedingungen herangezogen werden, innerhalb dessen sich Betriebe, Angestellte und Regionen miteinander und über die Zeit vergleichen können.

 


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