Sozialhilfebezug wird oft nach kurzer Zeit beendet

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Auch wenn der Blick in die Statistiken dies vermuten lässt: Menschen sind heutzutage nicht generell länger auf Sozialhilfe angewiesen. Wie aktuelle Auswertungen zeigen, verfestigen sich die Armutslagen bei einem vergleichsweise kleinen Teil der Sozialhilfebeziehenden.

Seit rund zehn Jahren nimmt die durchschnittliche Bezugsdauer in der Sozialhilfe zu. Dies zeigt die Kennzahlenberichterstattung zur Sozialhilfe in Schweizer Städten, welche die BHF jedes Jahr im Auftrag der Städteinitiative Sozialpolitik vornimmt. Auch dieses Jahr nahm der Anteil der Sozialhilfedossiers mit einer längeren Bezugsdauer im Fallbestand zu. Allerdings blieb bis jetzt unklar, ob es heute im Schnitt länger dauert als früher, bis ein Sozialhilfedossier beendet werden kann. Dies hat die BFH nun erstmals mit einem Vergleich verschiedener Bezugskohorten untersucht. Hierzu wurden die Daten der Schweizer Sozialhilfestatistik der Jahre 2011 bis 2019 verknüpft.

Viele sind nur kurz im Bezug

Das Ergebnis überrascht: Die Fälle, die 2016 oder 2017 neu aufgenommen wurden, konnten im Mittel gleich rasch beendet werden wie diejenigen, die 2011 oder 2012 neu hinzugekommen sind. Mit zunehmender Bezugsdauer sinkt zwar die Wahrscheinlichkeit, den Sozialhilfebezug zu beenden, dies trifft aber auf alle betrachteten Jahreskohorten gleichermassen zu. Für die Zeitperiode, die sich mit den verfügbaren Daten beobachten lässt, gibt es keinen Hinweis auf eine generell steigende Verweildauer in der Sozialhilfe. Ein grosser Teil der Menschen, die neu in die Sozialhilfe aufgenommen werden, ist nur wenige Monate auf Unterstützung angewiesen – weil sie beispielsweise eine grössere Rechnung nicht bezahlen können oder eine Karenzfrist überbrücken müssen, bevor sie Ergänzungsleistungen erhalten.

Verfestigung der Armutslage bei wenigen

Die Zunahme der mittleren Bezugsdauer der laufenden Fälle ist darauf zurückzuführen, dass seit einigen Jahren jeweils ein kleiner Anteil der Personen, die neu in die Sozialhilfe eintreten, sehr lange Sozialhilfe bezieht. Das heisst: Jedes Jahr kommen einige Fälle hinzu, die auch nach zehn oder mehr Jahren nicht beendet werden können. In den 14 Städten, die im Rahmen des Kennzahlenberichts verglichen werden, wiesen im Jahr 2011 insgesamt 4.2% der Fälle eine Bezugsdauer von zehn und mehr Jahren auf. Bis 2019 hat sich dieser Anteil auf gut 10% erhöht.

Gründe für eine längere Bezugsdauer

Ursachen einer längeren Verweildauer sind gesundheitliche Beeinträchtigungen, eine starke Belastung mit Betreuungsplichten, eine fehlende Ausbildung oder nicht mehr nachgefragte Qualifikationen. Letzteres trägt zur besonders langen durchschnittlichen Bezugsdauer bei den 46-55-Jährigen bei. Auch Personen aus nichteuropäischen Ländern weisen eine längere Bezugsdauer auf. Relativ viele Personen aus asiatischen und afrikanischen Ländern kamen nicht als Arbeitskraft in die Schweiz, sondern flüchteten aus ihrer Heimat. Für sie ist es oft schwierig, eine Arbeitsstelle zu finden und Sozialversicherungsansprüche zu erwerben. Eine Beendigung des Sozialhilfebezugs aufgrund der Existenzsicherung durch Sozialversicherungen ist deshalb oft nicht möglich. Personen mit ausländischer Nationalität können ihre Sozialhilfeabhängigkeit jedoch häufiger als Schweizerinnen und Schweizer durch eine Verbesserung ihrer Einkommenssituation überwinden.

Neuer Blick auf die Sozialhilfe

Die Langzeitfälle dominieren das Bild der Sozialhilfe. Dass viele Menschen von der Sozialhilfe unterstützt werden, um vorübergehende Engpässe zu überbrücken, gerät dabei oft aus dem Blickfeld. Dies nicht zuletzt darum, weil sich die Statistiken meist auf den aktuellen Fallbestand beziehen. Langzeitbeziehende sind darin deutlich übervertreten, da sie über viele Jahre im Datenbestand bleiben, während die Kurzzeitbeziehenden längst wieder aus dem Blickfeld verschwunden sind. Dies gilt es in den Diskussionen rund um die Sozialhilfe zu beachten. Denn politische Forderungen sind stark durch den Diskurs über den Langzeitbezug geprägt, während die wichtige Rolle der Sozialhilfe bei der kurzfristigen Überbrückung von Notsituationen vergessen geht.

Implikationen für Kennzahlen in der Sozialhilfe

Auf der anderen Seite stellt der Langzeitbezug für die Sozialhilfe eine nicht zu unterschätzende Herausforderung dar. Je grösser der Anteil an Langzeitbeziehenden ausfällt, umso grösser wird der Aufwand für Unterstützungszahlungen. Die jährlichen Pro-Kopf-Ausgaben für Personen, die das ganze Jahr hindurch Unterstützung benötigen, sind naturgemäss höher als diejenigen der Kurzzeitfälle. Weil die Integrationschancen bei längerer Bezugsdauer stark abnehmen, nimmt der Aufwand für Integrationsarbeit zu. Werden Sozialdienste oder Arbeitsintegrationsmassnahmen mittels quantitativer Kriterien evaluiert, wird dem oft zu wenig Rechnung getragen. Die Ablösequoten beispielsweise sinken ganz unabhängig von der Qualität der Dienste oder Programme, wenn der Anteil Langzeitbeziehender steigt.

Doppelrolle stärken

Generell verdeutlichen die aktuellen Auswertungen die Doppelrolle der Sozialhilfe: Sie dient einerseits der Überbrückung kurzfristiger Notlagen und andererseits der längerfristigen Existenzsicherung von Personen, die keinen Zugang zu anderen Sozialleistungen haben. In dieser Doppelrolle gilt es die Sozialhilfe zu stärken. Wo möglich ist dabei eine nachhaltige Ablösung von der Sozialhilfe anzustreben. Wirksame Massnahmen sind aus verschiedenen Studien bekannt. Wichtig sind unter anderem Investitionen in familienergänzende Kinderbetreuung, Qualifizierung oder die Gesundheitsförderung von Sozialhilfebeziehenden. Ausserdem sollten die Sozialarbeitenden in den Sozialdiensten über ausreichend zeitliche Ressourcen verfügen, um vertiefte Abklärungen durchführen und ihre Klientinnen und Klienten bedarfsgerecht, kontinuierlich und zielgerichtet unterstützen zu können.

 


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