Sexualisierte Gewalt an Kindern mit Behinderung: kompetente Hilfe fehlt

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Junger Mann blickt in die Kamera

Kinder stehen Übergriffen wehrloser gegenüber, wenn sie mit einer Behinderung leben. Tatsächlich erleiden sie öfter sexualisierte Gewalt als Gleichaltrige ohne Beeinträchtigung. Umso erstaunlicher ist, dass es schweizweit nur eine Anlaufstelle gibt, die diesen Kindern fachkundige Hilfe bieten kann, wie eine Studie des BFH-Zentrums Soziale Sicherheit zeigt.

Im Zuge der Fälle massiven Missbrauchs von Kindern mit Behinderung formierte sich aus dem Kreis der Sozialverbände die Arbeitsgruppe Prävention. Sie gab der BFH den Auftrag, landesweit die Hilfsangebote für Gewaltopfer zu untersuchen. Dazu bezog die Studie alle Erscheinungsformen von Gewalt und Grenzverletzung ein, jede Art von Anlauf- oder Fachstelle und die ganze Bandbreite der Zielgruppen. Das Augenmerk galt Kindern und Erwachsenen mit Behinderung als Opfer sexueller Übergriffe.

Von 335 ermittelten Stellen kamen 181 für eine umfassende Erhebung infrage. Hierunter fanden sich genau 25 Einrichtungen, die von sexualisierter Gewalt betroffene Menschen mit Behinderung oder deren Bezugspersonen beraten. Ob diese 25 Stellen tatsächlich als spezifisch fachkompetent für diese Zielgruppe gelten können, ergab eine vertiefende Analyse. Spezifisch fachkompetent heisst: fachkundig im persönlichen Umgang mit jeder Art von Behinderung, ob psychisch, geistig, körperlich, sinnen- oder kommunikationsbezogen, und kompetent auf dem Gebiet sexualisierter Gewalt.

Genau eine Fachstelle im ganzen Land

Die Studie konnte nur drei Stellen ausmachen, die die geforderten Kriterien erfüllen. Zwei davon richten sich an Erwachsene mit Behinderung – und nur eine an Minderjährige: die Kinderschutzgruppe des Kinderspitals Zürich. Für andere Zielgruppen und Gewaltformen gibt es dagegen mannigfache und sehr qualifizierte Angebote. Mitunter sind es überproportional viele.

Ueli Affolter, Leiter der Arbeitsgruppe Prävention und Geschäftsführer von Socialbern, bezeichnet diese Ergebnisse als sehr ernüchternd:

«Angebot und Nachfrage klaffen auseinander. Für Menschen mit Behinderung fehlen niederschwellige Angebote. Es fehlen insbesondere Stellen, an die man sich wenden kann, wenn nur ein Verdacht besteht.»

Der Verdacht auf sexuellen Missbrauch erfordert nicht nur ein sehr diskretes Vorgehen, er ist bei Kindern mit Behinderung leider auch oft begründet; besonders häufig bei Mädchen. Eine Studie im Auftrag des deutschen Bundesfamilienministeriums ergab, dass jeder dritten bis vierten Frau mit einer Beeinträchtigung bereits in der Kindheit sexualisierte Gewalt widerfahren war. Ausnehmend stark betroffen waren in Einrichtungen lebende Mädchen und Frauen.

Der Bund ist gefordert

Die Charta Prävention fordert von ihren Verbänden, dass ihre Mitglieder niedrigschwellige interne Meldestellen für (mutmassliche) Gewaltopfer einrichten. Mit gleichem Nachdruck fordert sie spezifisch fachkompetente Stellen ausserhalb der Verbände und ruft den Bund dazu auf, eine nationale Meldestelle zu schaffen. Ueli Affolter stellt dazu fest:

«Der Bund muss sich seiner Verantwortung stellen. Es gibt in der Schweiz einen Preisüberwacher und es gibt sogar einen Beauftragten für Fledermäuse, nicht aber für Opfer sexueller Ausbeutung.»

Das Fazit der BFH-Studie hält fest, dass die Einrichtung einer zentralen Fachstelle geboten ist. Diese sollte Präventionsarbeit, Forschung, Weiterbildung, Vernetzung und Koordination leisten, um zusammen mit den kantonalen und regionalen Stellen die erheblichen Defizite aufzufüllen und jeder Gruppe von Opfern sexualisierter Gewalt direkte und effektiv fachkundige Hilfe bieten zu können.

Denn auf der Interventionsebene mangelt es zwar am stärksten an Expertise gegenüber Kindern und Erwachsenen mit Behinderung. Die Studie zeigt jedoch darüber hinaus, dass das Hilfsangebot bei sexualisierter Gewalt für jede Zielgruppe als „eher“ bis „viel zu knapp“ einzuschätzen ist.

 


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