Pflegende Angehörige: Entlastung allein reicht nicht

Von Elsmarie Stricker 0 Kommentare

Angehörigenpflege fristet in den Medien, in der Politik und in der Öffentlichkeit nicht mehr dasselbe Schattendasein wie noch vor zehn Jahren. Trotzdem bekommen pflegende Angehörige noch nicht die Unterstützung, die sie benötigen. Eine Studie des BFH-Zentrums Soziale Sicherheit identifizierte Ansätze für einen Support, bei dem es nicht nur um Entlastung geht.

In der Schweiz werden 220‘000 bis 260‘000 Menschen im Alter von Angehörigen oder nahestehenden Personen gepflegt und betreut. Allein bei Menschen mit Demenz entsprechen die informellen Hilfeleistungen einem Finanzvolumen von 2,8 Milliarden Franken. Werden diese Zahlen alle auf alle Pflegeleistungen hochgerechnet, so wird deutlich, welche unbezahlbare Leistung durch pflegende Angehörige erbracht wird, häufig unter erheblichen physischen und psychischen Belastungen. Daher ist ein professionelles Beratungs-, Entlastungs- und Unterstützungsangebote für diese Angehörigen notwendig.

Supportgedankte gewinnt an Bedeutung

Viele Kantone haben das Thema Angehörigenpflege in alterspolitischen Strategien oder Leitbildern aufgenommen und in verschiedenen Institutionen wurden Unterstützungs- oder Beratungsangebote für pflegende Angehörige ausgebaut. Zudem hat sich in den vergangenen Jahren der Wissensstand erweitert. Stand vor zehn Jahren hauptsächlich der Entlastungsbedarf im Zentrum, so wird heute der Problem- und Lösungsfokus breiter gesehen und der Supportgedanke hat an Bedeutung gewonnen. Darunter sind professionelle und formelle Unterstützungsleistungen für pflegende Angehörige zu verstehen, welche die Balance zwischen Belastung und eigenen Ressourcen stabilisieren helfen. Dies bedingt eine ganzheitliche Sichtweise, die nicht nur auf die Pflegeaufgabe, sondern auch auf die Stärkung der pflegenden Person ausgerichtet ist und diese als mitgestaltende Akteure betrachtet.

Entlastung – Information – Empowerment

Support kann durchaus Entlastung beinhalten. Gemeint sind damit zeitlich begrenzte oder über längere Zeit andauernde Unterstützungsformen welche die zu tragende Last erleichtern helfen. Darüber hinaus gehört zum Support auch Information. Durch ein verbessertes Wissen über Krankheiten, bestehende Unterstützungsangebote oder rechtliche Rahmenbedingungen kann die Pflegesituation besser verstanden und damit umgegangen werden.

Empowerment schliesslich dient der Stärkung von Ressourcen und Kompetenzen der pflegenden Person, die unter Umständen über lange Zeit eine grosse Last zu tragen hat. So wird das Selbstbewusstsein der pflegenden Angehörigen gefördert und ihre Pflegetätigkeit wirksam gestärkt. Meist ist bereits die Erkenntnis hilfreich, dass die Betreuungsanforderungen durch geeignete Strategien der Selbstsorge oder durch Hilfe von aussen einfacher zu bewältigen sind. Dies gilt insbesondere dann, wenn sich die Anforderungen im Laufe der Zeit verändern, umfassender werden oder sich akzentuieren.

Was beschäftigt und belastet Angehörige?

In den letzten zwei Jahren erfasste das Institut Alter die Problemlagen und Herausforderungen der pflegenden Angehörigen in einem Bezirk des Kantons Solothurn. In den 14 Interviews wurden drei Themen häufig erwähnt.

  • Die Gesundheit der Pflegenden: Einige pflegende Angehörige berichten über Gesundheitsbeschwerden wie Schmerzen und Schlafprobleme, da sie es vernachlässigt haben, sich um ihr eigenes Wohlbefinden zu kümmern.
  • Schuldgefühle: Wenn psychischer Stress zu ungewollten Reaktionen wie Wutausbrüchen gegenüber der pflegebedürftigen Person führt, entstehen Schuldgefühle. Diese werden auch hervorgerufen durch die Gratwanderung zwischen dem Pflegeengagement, beruflichen Verpflichtungen und den Bedürfnissen nach einem eigenen Leben – wobei oft das Gefühl aufkommt, nichts wirklich gerecht zu werden.
  • Gesellschaftliche Ausgrenzung: Personen mit Demenz-Erkrankungen, Parkinson oder anderen sichtbaren Beeinträchtigungen bzw. Verhaltensauffälligkeiten erleben in der Öffentlichkeit oft Unverständnis, Ablehnung, Stigmatisierung bis hin zu sozialer Ausgrenzung. Darunter leiden auch deren Angehörige.

Empowerment statt nur Entlastung

Diese drei Beispiele zeigen deutlich auf, dass Entlastungsangebote allein nicht die nachhaltige Antwort auf die genannten Nöte sein können. Denn diese Belastungen lösen sich nicht einfach auf, wenn ausreichend Entlastungsangebote bereitstehen und sich die Angehörigen sich gelegentlich eine Auszeit gönnen können.

So wäre es beispielsweise wichtig, pflegende Angehörige auf die Wahrnehmung des eigenen Körpers hin zu sensibilisieren, damit sie ihre Grenzen rechtzeitig erkennen und die nötige Hilfe organisieren können. Es bräuchte einfühlsame Gespräche, damit die Angehörigen nach ungewollten Stressreaktionen ihre Selbstachtung wiedergewinnen können. Hier könnte unter anderem der Austausch in Angehörigengruppen grosse Wirkung entfalten.

Nicht zuletzt wird deutlich, dass es gesellschaftlich noch einiges zu leisten gibt. So wird auch in Zukunft öffentliche Aufklärungsarbeit nötig sein, um der Stigmatisierung von krankheitsbedingtem Verhalten entgegenzuwirken. Dadurch könnte die Hilfsbereitschaft  des persönlichen Umfelds gefördert werden, die von pflegenden Angehörigen oft als Zeichen der Wertschätzung ihrer Arbeit wahrgenommen wird.

 


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