Wie können armutsbetroffene Personen ihre Anliegen und ihr Erfahrungswissen in die Armutspolitik in einem wirtschaftlich und politisch instabilen Land einbringen und es zielführend mitgestalten? Dieser Frage ging BFH-Dozentin Emanuela Chiapparini während ihres viermonatigen Forschungsaufenthalt in Armenien nach.
Nachdem Armenien 1991 sich nach über 50 Jahren von der Sozialistischen Sowjetrepublik (UdSSR) unabhängig erklärte, errang es nur schrittweise seine politische und wirtschaftliche Eigenständigkeit. Als sich die russischen Politiker*innen und Ökonom*innen aus dem Land zurückzogen, stand Armenien still, ohne Elektrizität für das Licht, Benzin für die Fahrzeuge, Gas für die Heizungen, wirtschaftliche Investor*innen für die Fabriken und Erwerbsarbeit für den Lebensunterhalt.
Und nachdem die Türkei 1993 aus Solidarität zu Aserbaidschan die Grenzen schloss, war Armenien im Westen und Osten wirtschaftlich und politisch isoliert. Nur zwei kurze Grenzlinien im Süden zum Iran und im Norden zu Georgien ermöglichten dem im Südkaukasus gelegenen christlichen Land den Handelsverkehr. Eine Armenierin, die ich während meiner Reise interviewte, erklärte mir: «Zu der Zeit waren wir alle Armutsbetroffene».
Inmitten politischer und wirtschaftlicher Herausforderung
Nach diesem sozial-ökonomischen Zusammenbruch, galt es zudem eine Demokratie aufzubauen – in einem Land, dass über Jahrhunderten unter Fremdherrschaft stand. Das braucht Zeit! Nach der samtenen Revolution 2018 folgte bereits im Jahr 2021 eine erneute Debatte um die Verfassung, die mit dem Rücktritt des Präsidenten und Neuwahlen endete. Neben der Corona-Pandemie war die junge Demokratie ab 2020 mit zwei Angriffskriegen seitens Aserbaidschan konfrontiert und durch die Zwangsumsiedlung von rund 100’000 Armenier*innen aus der Region Berg-Karabach ab 2023 stark gefordert.
Auch nach 36 Jahren Unabhängigkeit schienen mir bei meinem Forschungsaufenthalt an der Yerevan State University die sowjetischen Prägungen in Bildung, Politik, Soziales und Wirtschaft noch sehr präsent – sowie die verschiedenen geopolitischen Interessen, denen Armenien noch immer ausgesetzt ist. Gleichzeitig begegnete ich sehr vielen innovativen Personen, die nach vorne blicken, sehr sachlich die sozialpolitischen Herausforderungen benennen, die sozialpolitische und ökonomischen Situation zu verbessern möchten, Lösungsideen entwickeln und diese trotz der schwierigen Rahmenbedingungen umzusetzen versuchen.
Selbstbestimmung oder Fürsorge?
Spätestens seit dem Genozid der jungtürkischen Regierung an den Armenier*innen 1915/16, fanden immer wieder Auswanderungsbewegungen in Nachbarländern, nach Europa und in die USA statt. Rund sechs Millionen Armenier*innen leben heute in der Diaspora und unterstützen von dort aus ihr Heimatland. In Armenien selbst leben etwa drei Millionen Menschen, davon eine Million in der Hauptstatt Jerewan. Zudem sind im Land unzählige Hilfsorganisationen aktiv, wobei die internationale Unterstützung in den letzten Jahren stark zurückgegangen ist und zahlreiche soziale Projekte eingestellt werden mussten.
Ich besuchte rund 20 Hilfsorganisationen, Forschungszentren sowie regionale und nationale politische Institutionen. Dabei versuchte ich zu verstehen, welche armutsbetroffene Personen wie unterstützt werden. Basierend darauf identifizierte ich Anknüpfungspunkte, mit denen sich armutsbetroffene Personen in die armenische Armutspolitik einbringen und diese zielführend mitgestalten können. Da in der Sowjetunion angeblich alle arbeiteten und es somit offiziell keine armutsbetroffenen Personen gab, etablierte und professionalisierte sich die Disziplin der Sozialen Arbeit erst seit der Unabhängigkeit 1991 in einem längeren Prozess. Parallel dazu entstanden regionale Sozialdienste, die sich gegenwärtig in einer Reform befinden. In meinen Gesprächen im Rahmen der Studie sowie im Alltag machte sich jedoch häufig eine gewisse Ambivalenz zu dieser staatlichen Fürsorge bemerkbar. Einige befragte Armenier*innen hatten eher den Wunsch nach sozialer und ökonomischer Selbstbestimmung und andere wünschten sich eher umfassende soziale Sicherheit.
Von der Soforthilfe zur bürgerschaftlichen Befähigung
Als 1988 Erdbeben in Armenien ganze Kleinstädte wie beispielsweise Spitak stark oder komplett zerstörten, liess die Sowjetunion zum ersten Mal humanitäre Unterstützung aus Westeuropa und der restlichen Welt zu. «Für uns war es ganz neu, dass uns internationale Organisationen und Menschen ausserhalb der Sowjetunion unterstützten,» erklärte mir eine Gesprächspartnerin. Die ausschliesslich humanitäre Soforthilfe der ausländischen Hilfsorganisationen wandelte sich in den folgenden Jahren vermehrt in Programme zur individuellen Unterstützung und Vermittlung beruflicher Kompetenzen. In zahlreichen sozialen Projekten gibt es bis heute Elemente, die armutsbetroffenen Personen mitgestalten können – z.B. indem sie ihre Präferenzen für eine Berufsausbildung einbringen.
Daran schliesst die gegenwärtige Unterstützungsphase an, in der es um die Stärkung von anwaltschaftlichen (advocacy) und bürgerschaftlichen (citizenship) Fähigkeiten geht. Insbesondere im jungen Handlungsfeld der Gemeinwesenarbeit finden in Armenien Veranstaltungen statt, in denen die rechtlichen, sozialen, zivilgesellschaftlichen und psychologischen Fähigkeiten der Teilnehmenden gestärkt werden. Einige NGOs begannen armutsbetroffene Personen oder Elternteile in Workshops über ihre Rechte bezüglich Unterstützungsangebote für sich und ihre Kinder zu informieren. Und in der konkreten Ausgestaltung dieser Angebote begleiten die NGO diese Personen auch und unterstützen sie bei Gesprächen mit lokalen Politiker*innen.
User Involvement und nächste Schritte
Im Austausch mit Politiker*innen aus verschiedenen Regionen und dem Ministerium für Arbeit und Soziales stiessen Ansätze auf grosses Interesse, die sich der Beteiligung von armutsbetroffenen Personen (User Involvement) widmen. Diese eignen sich u.a. für sozial-ökonomische und armutspolitische Projekte und sind in Armenien noch wenig erprobt. Und auch aus meinem Fachbeitrag an der internationalen Tagung zum Thema «Soziale Solidarität» ergaben spannende Diskussionen und mögliche Kooperationen, die nun weiterverfolgt werden.
All die Eindrücke, Erkenntnisse und Kontakte sollen auch nach meinem Forschungsaufenthalt nutzbar bleiben. Sie flossen in einen weiteren Forschungsantrag und einem Fachartikel ein, der im kommenden Jahr veröffentlicht werden soll.
Kontakt:
Artikel und Berichte:
- Chiapparini, E. (2025). User Involvement in Poverty policy structures. An Approach to give a voice to people living in poverty, to achieve effective solutions and to strengthen social cohesion. Journal of Sociology (Vol. 16, Issue 1(41))
- Chiapparini, E. (2025). LinkedIn-Posts unter #ArmeniaPovertyAndParticipation
Literatur und weiterführende Links:
- Caucasus Research Resource Center-Armenia Foundation. (2023). Community-Level. Multidimensional Poverty in Armenia. Yerevan: European Union.
- Hovhannisyan, T. (2024). Civil Society and Government Institutions in Armenia: Leaving Behind the ‘Post-Soviet’ Title.
- Paturyan, Y. (2024). Challenges and the Current State of the NGO Sector in Armenia. The Highlander (American University of Armenia)








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