Hackathon für eine inklusive Digitalisierung im Sozialwesen

Von 0 Kommentare

Foto: istock.com/andresr

Wie halten soziale Organisationen mit der Digitalisierung Schritt? Die Berner Fachhochschule setzt hier auf neue Arbeitsformen und die Zusammenarbeit unterschiedlicher Disziplinen. Am 11. und 12. Dezember 2020 fordert sie Personen aus dem Sozialwesen und dem IT-Bereich zum spielerischen Wettkampf Hack4SocialGood auf. Im Interview sprechen Oliver Hümbelin, Oleg Lavrovsky und Ruth Schindler über die Idee des Events und darüber, welche Bedeutung dieser für eine soziale Praxisorganisation wie Pro Senectute Region Bern haben kann.

Oleg Lavrovsky, Sie organisieren seit vielen Jahren Hackathons. Erklären Sie uns bitte die Kernidee eines solchen Anlasses!

Oleg Lavrovsky: Im Wort Hackathon steckt der Marathon. Der Hackathon ist eine E-Sportart, ein Wettkampf, bei dem mit Datensätzen gearbeitet wird. Es werden Aufgaben sogenannte Challenges an Teams gestellt, die in beschränkter Zeit gelöst werden sollen. Das Team mit der besten Lösung gewinnt einen Preis. Der Zeitdruck ist für die Hackathon-Läuferinnen und -läufer essenziell, um ihre Leistung zu verbessern. Mit einer regelmässigen Teilnahme verbessern sie ihre Fähigkeiten.


Oleg Lavrovsky ist selbständiger Software-Entwickler, Vorstand bei Opendata.ch und Lehrbeauftragter am Departement Technik und Informatik. Er unterstützt den Hack4SocialGood mit seiner technologischen Expertise.

Diese Sportart wird ganz unterschiedlich beworben und vermarktet: Vom grossen technologischen Innovationsanlass mit hohen Preisgeldern bis zum informellen sozialen Innovationsworkshop, wie er im Dezember an der BFH stattfindet. Wie erklären Sie die Bandbreite dieser Anlässe?

Lavrovsky: Hackathons stammen ursprünglich aus dem Ingenieurbereich. Die ersten Hackathons wurden von grossen Firmen organisiert, bevor sie neue Produkte lancierten. Da wurden frühe Softwareversionen getestet und Preisgelder für das Team vergeben, das eine Sicherheitslücke oder ein verbessertes Feature findet. Diese Hackathons waren nur für Entwicklerinnen und Entwickler gedacht. Dieselben Firmen – beispielsweise Facebook – begannen das Format allerdings unterschiedlich zu nutzen, zum Beispiel zu Rekrutierungszwecken. In den letzten zehn Jahren haben verschiedenste Zivilgruppen aber auch Behörden wie die Schweizer Bundesverwaltung den Hackathon als Plattform entdeckt, auf der gemeinsam an Lösungen gearbeitet wird. Hier steht weniger die Software-Entwicklung, sondern das Zugänglich- und Nutzbarmachen von Datenbeständen im Fokus.


Oliver Hümbelin forscht am Departement Soziale Arbeit zur Nutzung von Daten zu Ungleichheit und Armut in der Schweiz und ist Initiant des Hack4SocialGood.

Aus welchem Bedürfnis heraus organisiert die BFH Soziale Arbeit einen Innovationsworkshop an der Schnittstelle von Data Science und Sozialwesen?

Oliver Hümbelin: Der soziale Bereich geht mit der Digitalisierung und ihren Innovationen bisher eher zurückhaltend um, so meine Wahrnehmung. Die Digitalisierung ist derzeit stark getrieben durch gewinnorientierte Unternehmen. Diese nehmen viel Geld in die Hand, um Neues auszuprobieren. Geld für riskante Innovationen ausgeben ist aber nicht die Kernaufgabe für soziale Betriebe. So besteht die Gefahr, dass der technologische Fortschritt ohne die Perspektive des sozialen Bereichs erfolgt. Soziale Betriebe könnten von den Möglichkeiten der Digitalisierung stärker profitieren, davon bin ich überzeugt. Eine Bildungsinstitution wie die BFH kann hier eine Vermittlerrolle einnehmen, indem sie Räume schafft und Leute aus unterschiedlichen Disziplinen zusammenzubringt. Fachkräfte des Sozialwesens sollen hier artikulieren, was sie in ihrer Arbeit benötigen und die Tech-Spezialisten entwickeln gemeinsam mit ihnen Lösungen.

Das Format Hackathon ist interessant, weil es sich auf spielerische Art und Weise realen Fragestellungen widmet.

Der Hack4SocialGood ist dabei Teil eines Forschungsprojekts zwischen den Departementen Soziale Arbeit, Wirtschaft sowie Technik und Informatik. Es interessiert uns, inwiefern es mit dieser Arbeitsform gelingt Innovationen zu fördern, die möglichst auch Bevölkerungsgruppen zugutekommen, die ansonsten wenig von der Wirkung der Digitalisierung begünstigt werden.

Lavrovsky: Aus Entwicklersicht ist das Spezielle am Hack4SocialGood der soziale Rahmen: Hier können Personen aus der IT sozusagen ihre Zeit spendieren. An vielen Hackathons gehen die Ergebnisse verloren, gerade im sozialen Bereich sind Hackathons aber nachhaltig. Die Organisationen sind auf einfache Lösungen angewiesen, die sie rasch umsetzen können. Es geht um simple Lösungen für komplexe Probleme. Mit wenig Aufwand und der Kombinationsmöglichkeiten der Opensource-Technologien kommen diese Organisationen weiter.

Ist ein Hackathon der niederschwellige Einstieg für digitale Innovation?

Lavrovsky: Für nachhaltige Innovation, würde ich sagen. Bei digitalen Innovationen geht es meistens darum ein bisschen verbesserte Produkte viel teurer zu verkaufen (lacht).

Bei einem nichtkommerziellen Hackathon wie Hack4SocialGood treffen sich diverse Menschen und arbeiten gemeinsam ohne Vertrag an einem gemeinsamen Produkt.

Darüber hat niemand die Hoheit. Das gehört allen, steht auf einer öffentlichen Domain und kann gefunden und weiterverwendet werden.

Am Hack4SocialGood werden reale Fragestellungen von sozialen Organisationen als Challenges gestellt. Wie funktioniert diese Zusammenarbeit?

Hümbelin: Wir laden Praxisorganisationen aus dem Sozialwesen ein, die Aufgaben einbringen. Wir haben über die BFH-Netzwerke einen Aufruf gestartet und sind gezielt auf Personen aus dem Sozialwesen zugegangen. Mit Caritas Schweiz, einem regionalen Sozialdienst, sozialinfo.ch, dem Staatssekretariat für Migration oder der Universität Bern mit ihrer Forschung zu Ungleichheit und Armut konnten wir Partner involvieren, die bereits etwas – beispielsweise einen Chatbot – entwickelt haben, das sie in einem offenen Setting testen oder weiterentwickeln möchten .


Ruth Schindler, Geschäftsführerin von Pro Senectute Region Bern, nahm mit Senioren an einem Hackathon teil und schildert die Perspektive sozialer Praxisorganisationen.

Frau Schindler, Sie haben als Geschäftsleiterin von Pro Senectute Region Bern mit zwei Senioren im Rahmen des AAL-Forums 2016 in St. Gallen an einem Hackathon teilgenommen. Warum haben Sie mitgemacht?

Ruth Schindler: Oleg Lavrovsky hat mich damals direkt angeschrieben und eingeladen. Es ging um innovative Entwicklung im Altersbereich für die neue Generation von Senioren. Ganz konkret ging es um die technische Weiterentwicklung von Hilfsmitteln, wobei auch soziale Komponenten eine Rolle spielten. Zwei Senioren waren motiviert mitzukommen. Die älteren Seniorinnen und Senioren sind bei uns noch wenig digital unterwegs, aber meine Generation und die darauffolgende ist da schon sehr interessiert. Das Bedürfnis sich digital selbst zu befähigen, ist hier vorhanden – besonders in den Bereichen Teilhabe, Information und Case Management.

Wie haben Sie sich mit den Senioren an diesem Hackathon eingebracht und was für einen Eindruck gewannen Sie vom Anlass?

Schindler: Die beiden Senioren haben in den Arbeitsgruppen mitgearbeitet und mitentwickelt. Der eine war früher IT-Entwickler bei IBM, der andere ist sehr an der digitalen Entwicklung interessiert. Ich habe in einem Referat den jungen Leuten die Pro Senectute vorgestellt. Der Anlass bot eine Bestandesaufnahme von Fragestellungen, die weiterverarbeitet werden konnten. Wir waren User, die gerade miteinbezogen wurden und sagen konnten, was sie benötigen. Es ging nicht um Entwickler, die im Alleingang etwas entwerfen, das vielleicht gar nicht gebraucht wird. Hier tauchten Personen mit verschiedenen Hintergründen fokussiert und voller Energie in eine Thematik ein. Für ältere Menschen gibt es nichts Inspirierenderes als zu generationenübergreifenden Anlässen eingeladen zu werden. Das ist gelebte Generationensolidarität.

Was kann ein solcher Hackathon für soziale Organisationen bewirken?

Schindler: Ein solcher Anlass hilft ein Produkt zu entwickeln, das praktikabel ist.

Der Nebeneffekt davon ist die Gemeinschaft: Ich darf an einem sinnvollen Event teilnehmen, da fühle ich mich sehr ernstgenommen – egal wie alt ich bin.

Ausserdem ergeben sich Gruppen, die über den Anlass hinaus an einer Thematik arbeiten. Eine Arbeitsgruppe, darunter einer unserer Senioren, traf sich weiterhin regelmässig und bearbeitete ihre Fragestellung weiter.

Lavrovsky: Bei solchen Hackathons geht es wirklich nicht ums Preisgeld. Es geht darum, Unterstützungsnetzwerke zu bauen. Hackathons sollen die Leute inspirieren und stellen den Menschen und seine Bedürfnisse ins Zentrum, nicht die technologischen Lösungen. Es entstehen Startups aber auch Freundschaften. Was die Hackathons als Wettkampf übrigens auch immer brauchen sind Zuschauer!

 

Hack4SocialGood – Innovationsworkshop für eine inklusive Digitalisierung

11. – 12. Dezember 2020 in Bern

Häufig stellt sich aber die Herausforderung, dass Fachpersonen des Sozialwesens zu wenig mit den technischen Möglichkeiten vertraut sind, während die Treiber des technologischen Wandels die Anliegen des Sozialwesens nicht kennen. Diesbezüglich schlägt der Innovationsworkshop «Hack4SocialGood» eine Brücke. Während eines zweitägigen Hackathons können Innovatorinnen und Innovatoren der Sozialen Arbeit sowie aus dem Technologiebereich ihre Skills an kniffligen Aufgaben testen. Partnerorganisationen stellen Challenges, die von den interdisziplinären Teams gelöst werden sollen. Die beste Challenge-Lösung gewinnt einen Preis.

Unterstützt durch: Berner Fachhochschule, Open Knowledge Foundation, Sozialinfo.ch, Universität Bern, Caritas Schweiz, Innosuisse

Programm + Anmeldung

 


Kontakt:

Beitrag teilen
0 Kommentare

Schreiben Sie einen Kommentar

Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.