Gezielte Unterstützung für Sozialhilfebeziehende mit Gesundheitsproblemen

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Viele Sozialhilfebeziehende leiden unter gesundheitlichen Problemen und Mehrfachbelastungen. Forschende der Berner Fachhochschule BFH sehen im Konzept des Mattering einen Schlüssel zu wirksameren Interventionen – und entwickeln gemeinsam mit der Praxis neue Ansätze. Interessierte Sozialdienste können mitwirken.

In der Schweiz beziehen rund 250 000 Menschen Sozialhilfe. Für viele ist diese Unterstützung keine kurze Überbrückung: Über 40 % erhalten sie seit mindestens drei Jahren. Ein wichtiger Grund dafür sind gesundheitliche Probleme. Schätzungsweise acht bis fünfzehn Prozent der Betroffenen leiden unter so starken Einschränkungen, dass sie eine berufliche oder soziale Integration erschweren. Häufig kommen psychische und körperliche Erkrankungen, finanzielle Sorgen und soziale Isolation zusammen – ein komplexes Geflecht, das die Lebenslage zusätzlich verschlechtert und zu hohen Kosten im Sozial- und Gesundheitswesen führt.

Das Beispiel von «Adrian Berger» aus einer Einzelfallstudie zeigt dies eindrücklich (Anm. d. Red.: Name geändert): Nach Unfall, Burnout und weiteren Diagnosen verlor er seine Arbeit, erhielt keine IV-Leistungen und ist heute auf Sozialhilfe angewiesen. Die Vielzahl an Fachpersonen und Zuständigkeiten macht die Koordination schwierig, die fehlende Perspektive führt zu Rückzug, chronifizierten Problemen und einem Gefühl von Bedeutungslosigkeit.

Unterstützung an individuellen Bedürfnissen ausrichten

Bestehende Unterstützungsangebote greifen bei solchen Mehrfachbelastungen oft zu kurz. Programme zur beruflichen und sozialen Integration setzen in der Regel eine gewisse Stabilität voraus, die viele Betroffene nicht mitbringen. Ein Vorprojekt der BFH zielte daher darauf, neue, wirksamere Ansätze zu identifizieren.

Dazu wurden zwei methodische Zugänge kombiniert: qualitative Einzelfallanalysen und ein systematisches Review internationaler Studien. Von 2872 gefundenen Publikationen erfüllten nur drei die strengen Kriterien, zwei davon mit besonderem Praxisbezug:

  • Activation Broker (Niederlande): Eine Vermittlungsperson sucht gemeinsam mit Sozialhilfebeziehenden nach passenden, alltagsnahen Aktivitäten – etwa bezahlter Arbeit, Freiwilligen-Engagement oder Vereinsmitgliedschaft – und koordiniert lokale Unterstützungsnetzwerke.
  • Doppel-Case-Management (Frankreich): Pflegefachpersonen und Sozialarbeitende arbeiten im Tandem mit den Betroffenen an persönlichen Lebensprojekten in den Bereichen Arbeit, Freizeit oder soziale Kontakte.

Das Potenzial bedeutsamer Aktivitäten

Beide Modelle setzen auf individuelle Bedarfsorientierung, Vertrauen und sinnstiftende Aktivitäten, um soziale Teilhabe und Wohlbefinden zu fördern. Auch die Einzelfallstudien der BFH zeigten: Die Zielgruppe ist sehr heterogen, benötigt flexible, personalisierte Unterstützung und Angebote, die an der Lebensqualität ansetzen.

Ein zentrales Ergebnis ist die Bedeutung des psychologischen Konzepts Mattering. Es beschreibt das Gefühl, wertvoll zu sein (feeling valued) und einen Beitrag leisten zu können (adding value). Studien belegen, dass Mattering eng mit Lebenszufriedenheit und psychischer Gesundheit verbunden ist. Es entsteht nicht von selbst, sondern durch konkrete, bedeutsame Erfahrungen – und wirkt auf drei Ebenen: in der Beziehung zu sich selbst, zu anderen und zur Gesellschaft. Die Analysen der BFH legen also nahe: Ein Mangel an Mattering trägt wesentlich zum niedrigen Wohlbefinden vieler Betroffener bei, kann aber durch gezielte Interventionen positiv beeinflusst werden.

Sozialdienste für Studie gesucht

Im nun geplanten Folgeprojekt sollen daher Aktivitäten entwickelt und erprobt werden, die Mattering gezielt fördern – zum Beispiel durch alltagsnahe Beteiligungsmöglichkeiten, individuelle Projekte oder neue Formen der Zusammenarbeit zwischen Sozialdiensten, medizinischen Fachstellen und lokalen Akteuren. Systematische Tests sollen zeigen, welche Angebote tatsächlich wirken und wie sie sich in die Praxis übertragen lassen. Offen sind Fragen wie:

  • Welche Elemente aus den internationalen Modellen eignen sich für den Schweizer Kontext?
  • Wie können Sozialdienste Menschen mit komplexen Problemlagen besser erreichen und begleiten?
  • Und wie verändern sich durch solche Ansätze Wohlbefinden und Lebensqualität?

Für diese nächste Forschungsphase sucht die BFH interessierte Kantone und Sozialdienste, die bereit sind, neue Wege der Unterstützung mitzuentwickeln und zu erproben. Wer sich beteiligen möchte, kann sich direkt bei den Autor*innen melden.

Dieser Artikel ist im September 2025 in einer ausführlicheren Version im «impuls – Fachmagazin des Departements Soziale Arbeit BFH» ersterschienen.
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