Führung und Ethik in Sozialen Organisationen

Von 0 Kommentare

Sozialdienste, Heime, Beratungsstellen, Bildungs- und Integrationsprojekte sind Unternehmen. In Koproduktion mit den Klientinnen und Klientinnen erbringen sie personenbezogene Dienstleistungen. Dies geschieht stets in einem ökonomischen Rahmen, was oft mit Spannungen verbunden ist.

Soziale Organisationen sind gleichermassen durch das Gebot der Wirtschaftlichkeit wie durch ihre fachlichen Ansprüche bestimmt. Die Arbeit erfordert eine hohe Professionalität und die knappen Finanzmittel – unsere Steuergelder oder Spenden – sollen so eingesetzt werden, dass mit den verfügbaren Ressourcen ein bestmögliches Ergebnis erzielt wird. Vereine, Stiftungen oder staatliche Einrichtungen müssen zwar keinen Gewinn erzielen, sie können es sich aber auch nicht leisten rote Zahlen zu schreiben. Wer schlecht wirtschaftet geht unter. Während die einen nun nach mehr Wettbewerb rufen und eigentlich Leistungsabbau meinen, beklagen andere eine zunehmende Ökonomisierung und sehen die Qualität ihrer Arbeit infrage gestellt. Die Verknüpfung von Fachlichkeit und Wirtschaftlichkeit führt zwangsläufig zu Konflikten, Widersprüchen und Dilemmata.

Professionelle Solidarität als Auftrag

Aus Sicht der Sozialen Arbeit betonen wir das Primat der Sachziele: Ein Kinderheim hat im Gegensatz zu einem reinen Beherbergungsunternehmen vor allem einen sozial-integrierenden und bildenden Auftrag. Ebenso ist ein Asylzentrum mehr als eine Unterbringungs-, Disziplinierungs- und Verpflegungsstation, ein Sozialdienst nicht bloss ein Bancomat. Soziale Organisationen unterscheiden sich durch ihren Auftrag von kommerziellen Unternehmen: Das Kerngeschäft ist professionelle Solidarität oder mit anderen Worten, die Sicherung der sozialen Sicherheit. Die Begleitung, Beratung und Förderung von Menschen, die vorübergehend oder dauerhaft Unterstützung benötigen, ist fundamental für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Auch wenn alle hoffen, das Sicherheitsnetz selbst nie in Anspruch nehmen zu müssen, sind sie vielleicht schon morgen existentiell darauf angewiesen. Wie eng die Maschen sind und wie fest die Knoten, ist jedoch immer das Ergebnis eines gesellschaftlichen und politischen Aushandlungsprozesses. Dazu gehören beispielsweise die Debatten über die Finanzierung der Altersrenten, über die Pflichtleistungen im Gesundheitswesen oder die Festlegung eines menschenwürdigen Minimums an Sozialhilfe. Zur Diskussion stehen auch grundlegende Fragen der Selbstbestimmung – etwa bei einer Behinderung oder im hohen Alter – ebenso wie der im Einzelfall immer sehr schwierige Entscheid, wann der Staat zum Schutz eines Kindes in eine Familienstruktur eingreifen darf.

Im Management ist Führungsethik zentral

Soziale Organisationen helfen und unterstützen, schützen, pflegen und fördern. Sie erbringen ihre Leistungen für Menschen in sehr verletzlichen Lebenssituationen. Wir erwarten daher, dass bezüglich zentraler moralischer Werte wie etwa Vertrauen, Ehrlichkeit, Respekt oder Fairness in den jeweiligen Berufen und Betrieben hohe Standards gelten. Entsprechend sind Moral und Ethik auch im Management omnipräsent, Soziale Organisationen müssen sich nach innen und nach aussen stets um ihre Glaubwürdigkeit bemühen. So wird es beispielsweise als äusserst gravierend erachtet, wenn in einem Hilfswerk Geld unterschlagen wird, obwohl Betrügereien ja in vielen Unternehmen vorkommen. Oder es gilt als besonders stossend, wenn das Personal in einem Heim unfair behandelt wird, wenn es zu schwerwiegenden Konflikten kommt oder gar Mitarbeitende ungerechtfertigt entlassen werden. Die grosse moralische Fallhöhe wirkt sich darauf aus, wie man im beruflichen Alltag zusammenarbeitet, welche Erwartungen an die Führungskräfte gestellt werden. Allerdings ist es kaum möglich, allen Ansprüchen von Klientinnen und Klienten, Finanzierenden und Mitarbeitenden gerecht zu werden. Das kann rasch zu einer Überforderung führen. Die personellen und finanziellen Ressourcen sind begrenzt, die Fachmeinungen unterschiedlich. Führungskräfte müssen Prioritäten setzten und Interessenkonflikte entscheiden. Sie kommen nicht darum herum Grenzen zu setzen, Erwartungen zu enttäuschen und Fehlentscheide zu treffen.

In der Aus- und Weiterbildung, in der Beratung und im Coaching müssen Führungskräfte deshalb nicht nur in ihrer betriebswirtschaftlichen, sondern auch in ihrer führungsethischen Kompetenz gestärkt werden. Dabei können sie auf vielfältige professionsethische Erfahrungen zurückgreifen. Der Umgang mit Zielkonflikten, mit Loyalitäts- und Machtfragen ist in der Sozialen Arbeit gut eingeübt, ebenso die Reflexion der eigenen Rolle und Verantwortung. Zusätzlich sollten sich Soziale Organisationen auch mit den aktuellen Diskursen der Wirtschafts- und Unternehmensethik befassen. Dazu gehören etwa grundlegende Themen wie die Rechenschaftspflicht einer Organisation gegenüber den verschiedenen Anspruchsgruppen oder die Reichweite der individuellen Führungsverantwortung. Auch sehr praktische Probleme sind in der konkreten Situation häufig nicht einfach zu lösen: Wann genügt ein Führungsentscheid dem Gebot der Transparenz? Oder was ist in einem Konfliktfall eine faire Lösung? Aus der Zusammenschau von solchen allgemeinen Fragestellungen und feldspezifischen Anforderungen ergibt sich gerade unter ethischen Gesichtspunkten ein differenzierteres und der jeweiligen Aufgabe angemessenes Verständnis von Führung und Management.

6. Internationaler INAS-Fachkongress 2018

Das Departement Soziale Arbeit der Berner Fachhochschule beteiligt sich mit diversen Führungs- und Organisationsthemen am 6. Fachkongress der Internationalen Arbeitsgemeinschaft Sozialmanagement/Sozialwirtschaft in Dresden. Der nächste Fachkongress des Netzwerks findet im Jahr 2020 in Bern statt.


Kontakt:

 

Literatur und weiterführende Links:

Beitrag teilen
0 Kommentare

Schreiben Sie einen Kommentar

Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.