Daheim statt Heim – die späte Freiheit zum Risiko

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Viele alte Menschen wünschen sich, die letzte Lebensphase auch bei Hilfsbedürftigkeit zuhause verbringen zu können. Die im Entwicklungsprojekt «Daheim statt Heim – befähigen statt helfen» gewonnenen Erkenntnisse zeigen auf, dass ein «Daheim» ein komplexes, mehrfach fragiles soziales System mit viel Befähigungspotenzial ist. Der Knackpunkt bei der Befähigung ist allerdings, das einhergehende Risiko bewusst zuzulassen.

Die Angst zu stürzen und die Überforderung pflegender Angehöriger sind zwei Faktoren, die im verletzlichen Alter zu einem unerwünschten Heimeintritt führen können. Die negative psychosoziale Dynamik eines «Daheims» zeigt sich darin, dass Angst und Überforderung die soziale Beziehung zwischen der unterstützungsabhängigen betagten Person und ihren Angehörigen schwer belasten können.

Die Angst im Garten

Nachfolgender Ausschnitt aus einem Interview bringt etwas von dieser Dynamik zum Ausdruck. Die 75-jährige Frau B lebt zuhause zusammen mit ihrem Ehemann. Sie ist an Parkinson und leichtgradiger Demenz erkrankt und stark sturzgefährdet. Das Interview wurde im Rahmen des Entwicklungsprojektes «Daheim statt Heim – befähigen statt helfen» des Instituts Alter an der Berner Fachhochschule geführt und war Teil eines Fähigkeits-Assessments zu Beginn einer über vier Monate dauernden alltagsorientierten Befähigungsschulung. An dieser haben neben Frau B auch ihr Ehemann und ihre Tochter teilgenommen.

Kannst du mir etwas von deinem Garten erzählen?
Frau B: Das ist etwas Schönes.
Wenn du wählen könntest, was würdest du jetzt am liebsten noch machen?
Frau B: Im Garten sein.
Würdest du mir den Garten zeigen?
Frau B: Ja

[nach dem Spaziergang durch den Garten]
Als wir draussen durch den Garten spazierten, hattest du Freude daran?
Frau B: Ja.
Was ist es, das dir Freude bereitet?
Frau B: Es selbst schaffen zu können.
Traust du es dir zu, das weiterhin selber schaffen zu können?
Frau B: Ich möchte schon, aber sie lassen mich nicht mehr in den Garten.
Weshalb?
Frau B: Wegen der Unfallgefahr.
Wenn du in den Garten gehst, hast du Bedenken, dass du umfallen könntest?
Frau B: Ja.
Viel – oder nicht so viel?
Frau B: Schon viel.
Was brauchst du, dass du weiterhin in den Garten gehen könntest?
Frau B: Ich weiss gar nicht, was man da machen könnte.
Traust du es dir zu, dass du noch etwas lernen könntest, damit weniger Gefahr besteht, dass du umfallen könntest?
Frau B: Ja.
Traut dir das dein Mann auch zu?
Frau B: Nein.
Warum nicht?
Frau B: Weil er Angst hat wegen dem Stürzen.
Könnte er denn lernen, dich so zu begleiten, dass er nicht mehr so viel Angst hat?
Frau B: Es wäre schön, wenn er es könnte. Aber ich weiss nicht, ob das noch geht.
Angenommen, du wärst jetzt im Altersheim und nicht mehr zuhause, wie wäre das für dich?
Frau B: Das wäre nicht schön.
Warum?
Frau B: Mir würden die eigenen Leute fehlen.
Was braucht es, damit du da bleiben kannst und nicht ins Heim gehen musst?
Frau B: Das möchte ich lernen.

Der Ausschnitt zeigt die Mehrfachfragilität des sozialen Systems «Daheim»:

  1. körperliche Fragilität infolge Parkinson
  2. geistig-psychische Fragilität infolge Angst, Unsicherheit, leichtgradiger Demenz
  3. soziale Fragilität infolge einer angstgesteuerten und freiheitseinschränkenden Beziehungsgestaltung seitens Ehemann und Tochter
  4. lebensräumliche Fragilität infolge fremdbestimmter Einschränkung des Bewegungsradius.

Der für die Lebensqualität sowie die körperliche und geistig-psychische Gesundheit enorm wichtige Garten gehört für Frau B nicht mehr zu ihrem Lebensraum «Daheim».

Die Befähigung im Alltag

Ziel des Projektes «Daheim statt Heim – befähigen statt helfen» war die Erprobung des am Institut Alter entwickelten Bildungsmodells «Lebensweltorientierte Altersarbeit» mit zuhause lebenden unterstützungsabhängigen Menschen und ihren Bezugspersonen – Angehörige oder Nachbarn. Die Perspektiven des ganzheitlichen Befähigungsansatzes des Modells sind dabei

  1. die Analyse mehrfachfragiler Lebenswelten,
  2. Vertrauen als Mechanismus der Vereinfachung eines fragilen, komplexen Alltags,
  3. die Schaffung von Fähigkeiten als Freiheiten,
  4. die Vermeidung von Demütigung.

Die zwölfteilige, über vier Monate dauernde Befähigungsschulung wurde bei drei Gruppen durchgeführt und fand bei den betagten Personen zuhause statt. Einbezogen waren jeweils zwei Bezugspersonen. Die Schulung beinhaltete Bewegungslernen anhand der Bewegungslehre Kinaesthetics zur Entwicklung von Alltagsbewegungs- und Unterstützungskompetenz bei schwierigen Aktivitäten – z. B. Gehen und sich Bücken im Garten, Aufstehen nach einem Sturz. Dies war verbunden mit Alltagsgesprächen, die sich an der Eigensprache der Teilnehmenden orientierten. In solchen Gesprächen findet das Gegenüber leichter den Zugang zu seinen eigenen Ressourcen und Lösungen und kann belastende Situationen oder Zustände besser annehmen.

Das Ja zum Risiko

Als Erfolgsfaktor der Schulung erwies sich die psychosoziale Fähigkeit, schwierige Interaktionen auf der Bewegungs- und Sprachebene zutrauend zu gestalten. Rigide Meinungen und eingeschliffenes Verhalten können sich dadurch verändern. Es eröffnen sich mehr Möglichkeiten des Handelns und Erlebens im Alltag zuhause – zum Beispiel auch bei Sturzgefahr, wenn man in den Garten geht und sich an dessen Schönheit erfreut. Der Gewinn an Lebensqualität  – sowohl von Frau B in dieser verletzlichen Lebensphase als auch ihrer Angehörigen mit deren anspruchsvollen Unterstützungsaufgaben – hat allerdings seinen Preis: es braucht von allen Beteiligten ein Ja zum Risiko. Oder wie es der Ehemann von Frau B sagt: «Ich versuche an mir zu arbeiten. Loslassen, Vertrauen haben. Alles verbieten kann ich ihr ja nicht. Es kann immer etwas passieren.» Eine späte Freiheit zum Risiko.

 

Die inhaltlichen und methodischen Erkenntnisse des Projektes «Daheim statt Heim – befähigen statt helfen» bilden die Grundlagen für die Ausbildung von Multiplikatoren lebensweltorientierter Altersarbeit sowie eine begleitende Wirkungsevaluation. Die Ausbildung findet im Rahmen der neuen Weiterbildung DAS Lebensweltorientierung in der Altersarbeit statt.

 


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